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Evolution mit Drogen?
VON THOMAS KRAMAR (Die Presse) 17.11.2005
GENETIK. Ein Unterschied zum Schimpansen: eine DNA-Sequenz, die Schmerz und Gedächtnis regelt.
(c) EPA
(c) EPA

Hat der Umgang mit Schmerzmit teln oder gar mit Drogen die Evo lution des Menschen geprägt? Eine soeben in der Public Library of Science (Plos) erschienene Arbeit enthält diese faszinierende Spekulation. "Seit Jahrtausenden verwenden Menschen Opiate, um ihr Bewusstsein zu ändern und Schmerz zu lindern", heißt es: "Unsere Daten deuten darauf hin, dass in der Evolution unserer Art Veränderungen in der Produktion eines endogenen Opioid-Vorläufers stattfanden, und dass diese Veränderungen durch natürliche Selektion getrieben wurden."

Die Arbeit stammt von Biologen um Matthew Rockman an der Duke University (North Carolina, USA), mitgewirkt hat Fritz Zimprich von der Medizinischen Universität in Wien. Er erklärt: "Es geht um das Gen für Prodynorphin: Dieses Neuropeptid wirkt als ,Superregulator', Wächter gleich mehrerer Regelkreise im Hirn, die es, wenn nötig, unterdrücken kann. Etwa Regelkreise für Schmerz und Motorik - daher besteht ein Zusammenhang mit der Parkinson-Krankheit -, und der Regelkreis für Gedächtnis, der auch die Epilepsie beeinflusst."

Im Zuge der Epilepsieforschung entdeckten Zimprich und sein Bruder Alexander vor vier Jahren eine Variation in diesem Gen, genauer gesagt, in dessen Promotor, also einem DNA-Abschnitt, der die Aktivität des Gens regelt. Just die DNA-Sequenz, an der der Faktor bindet, der die Expression des Gens auslöst, kommt bei verschiedenen Menschen in verschieden vielen Kopien vor: ein-, zwei-, drei- oder viermal. Die Zimprich-Brüder fanden, dass Epileptiker mit ein oder zwei Kopien zu häufigeren Anfällen neigen.

Wie unterscheidet sich diese - 64 Basen lange - Sequenz von der entsprechenden Sequenz im Schimpansen-Genom? Auf zweierlei Art. Erstens durch fünf Basen-Änderungen, die alle Menschen von allen Schimpansen unterscheiden - und offenbar bewirkt haben, dass die Prodynorphin-Produktion bei allen Menschen leichter angeworfen wird. Zweitens aber haben alle Schimpansen nur eine Kopie dieser Sequenz, bei Menschen sind das nur (mehr?) ein bis zwei Prozent. "Offenbar wirkte starker positiver Selektionsdruck auf diesen Promotor", meint Zimprich: "Dabei kann man zwei Phasen unterscheiden. Einmal in der Evolution vom Menschenaffen zum Menschen, also vor sechs Millionen Jahren oder später. Einmal in der Evolution von Homo erectus zu Homo sapiens, also vor zirka 150.000 bis 100.000 Jahren."

Prodynorphin ist der Vorläufer von Opioiden, von körpereigenen Substanzen also, die an den gleichen Rezeptoren angreifen wie Opiate. Das meinen Rockman und Kollegen, wenn sie vermuten, dass der Umgang mit Opiaten die Evolution dieses Gens geprägt haben könnte. Gesteigerte Schmerzempfindlichkeit durch allmählichen Verlust des Haarkleids könnte mitgespielt haben. Für einen solchen Zusammenhang spricht auch, dass man eine Korrelation der Kopien-Häufigkeit im Promotor-Abschnitt mit Kokainsucht kennt: weniger Kopien, stärkere Neigung zur Abhängigkeit.

Zimprich könnte sich auch vorstellen, dass die Evolution des Prodynorphin-Promotors mit der Entwicklung der Lernfähigkeit zu tun hat. Und damit mit der Neigung zur Epilepsie, die entstehe, wenn der Gedächtnis-Regelkreis überschießt. "Wir wissen etwa, dass Kinder, die zu Fieberkrämpfen neigen, im Durchschnitt höhere Gedächtnisleistungen erbringen."

 
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